Kleider machen Leute

guggenheiminbilbao

So wie wir uns kleiden, so fühlen wir uns. Deshalb machen Kleider nicht nur Leute, sondern werden auch als die 2. Haut der Menschen bezeichnet. Du kennst das vermutlich; mit Kleidern schlüpfen wir in Rollen hinein, die uns unterschiedliche Empfindungen und Verhaltensweisen schenken: heute Geschäftsfrau/mann, morgen Kumpel, übermorgen ProfisportlerIn usw. Sogar das eigene Auftreten verändert sich.

Wir benutzen Kleider zur Imagebildung.

Ja, und nicht nur das, wir werden auch nach unserer Kleidung beurteilt bzw. beurteilen zugleich auch andere.

Architektur wird nach der Kleidung als die 3. Haut der Menschen angesehen.

Mit welchen Räumen umgeben wir uns? Hier sprechen wir von Begriffen wie Heimat, Identifizierung mit der Wohnung und der Aneignung von Lebensraum. D.h. auch hier gilt das Prinzip des Beurteilens und das der Imagebildung.

Und doch leben wir in einer gebauten Umgebung, die wir kaum bewusst wahrnehmen.

Diese 3. Haut macht uns nur selten neugierig, meistens nur dann, wenn sie sich außergewöhnlich hervor tut. Beispielsweise in Bilbao, wo das Guggenheim Museum von Frank O. Gehry den Bilbao-Effekt auslöste. (Vom Bilbao-Effekt spricht man, wenn spektakuläre Bauten einen Ort gezielt aufwerten.) Hier wirkt sich die Architektur als Touristenmagnet auf die Region aus, die davon mehr profitiert als die Architektur gekostet hat. Architektur verhilft der Stadt zur Marke und wird zum Stadtbranding.

Dieser Effekt wurde an manchen Orten nachgeahmt, doch nicht immer ist dieser Effekt auch eingetreten, z.B. in der Stadt Herford, Nordrhein Westfalen, die von Frank O Gehry ein Museum für zeitgenössische Kunst, MARTa, bauen lies. Diese Stadt wartet vergeblich auf den Besucherstrom. Ebenso in Sanitago de Compostela, die von dem Architekten Peter Eisenmann geplante Cidade de Cultura. Hier gab es 2012 den endgültigen Baustopp, so dass dieses gigantische Gebäude nur noch als Wahrzeichen der Steuerverschwendung gilt. Oskar Niemeyer versuchte mit seinem „Centro Internacional“ in Avilés zum neuen Bilbao zu werden. Das Gebäude wurde zwischenzeitlich geschlossen.

Es gibt noch so viele mehr Beispiele doch mich interessiert viel mehr die nahe Architektur, der nahe Ort bzw. Lebensraum. Oder ist das o.g. Ergebnis ein Zeugnis dafür, dass das Architekturinteresse doch nicht so groß zu sein scheint?

Um Antworten auf diese Frage zu bekommen, bin ich los, und habe Euch gefragt.

Der beste Ort erschien mir in Berlin die Tauentzienstraße am Anfang des „Kuhdamms“, dort wo Leute ihre Kleider kaufen.
Den Endpunkt beschreibt die U-Bahn Haltestelle Wittenbergplatz mit seiner neoklassizistischen, kreuzförmigen Eingangshalle, die einen quadratischen Turmaufsatz erhielt. Der Bahnhof wurde damals passend zum KaDeWe (Kaufhaus des Westens) gebaut.

wittenbergplatz-station-building   kadewe

 

 

 

 

 

Doch in dieser kleinen Umfrage interessieren mich nicht die historischen, neoklassizistischen Gebäude, sondern das Nachbargebäude des KaDeWe´s, die Architektur von Gottfried Böhm, die in diesem Fall dem Unternehmen P&C zur Imagebildung dient. Das Unternehmen beauftragt Stararchitekten wie Renzo Piano, Richard Maier, Josef P. Kleihues zum Bau Ihrer Filialen. „Man plant Gebäude, die die Städte gut kleiden und architektonische Glanzlichter setzen.“ (Quelle: http://www.peek-cloppenburg.de/unternehmen/architektur) Auf der Webseite wird weiter die Frage gestellt, wie das Kaufhaus der Zukunft aussieht; bleibt es dabei, „möglichst viel Ware auf kleinem Raum zu verkaufen“ oder „geht es darum, neue, offene, reizvolle Shopping-Welten zu kreieren, in denen Menschen gerne verweilen und sich inspirieren lassen?

 

P&C_Gebäude Berlin

Was ist, wenn ein Gebäude selbst ein Kleid anzieht?

Interessant finde ich auch, ob der potentielle Kunde merkt, dass selbst die Fassade des Gebäudes als Kleid inszeniert wurde. Gottfried Böhm „schenkte seinem Bau ein gläsernes Kleid“, dass wie ein Glockenrock Falten wirft.

 

 

 

Ein Stück versetzt vor dem Eingang des KaDeWe´s stellte ich willkürlich ungefähr 20 Passanten, die aus der Richtung des P&C Gebäudes kamen 2 Fragen:

a) Können Sie die Fassade des P&C Gebäudes beschreiben, und was assoziieren Sie damit?

b) Waren sie im Gebäude und fühlten sie sich eingeladen zu verweilen und sich inspirieren zu lassen?

Was denkst du, wie waren die Ergebnisse?

Ausnahmslos alle mussten sich erst noch mal umdrehen, und die Fassade genau ansehen. Sie sind vorher wie „blind“ daran vorbei gegangen. Interessant fand ich in dem kurzen Gespräch die jeweilige Stimmungslage der Befragten, einige wenige waren verlegen, manche überrascht und erstaunt, manche belustigt… Keiner fand, dass es sich um eine normale Fragestellung handelt.

Die Antworten auf die Assoziationen mit dem Gebäude waren u.a. Belichtungseinflüsse, Raumvergrößerungsmodelle, Klimatechnische Interpretationen. Alle haben eher nach Gründen für die Form gesucht und keine Bilder. Nur einer dachte an ein Kleid, als er sich die Fassade nochmals ansah. Er hatte allerdings vorher schon irgendwo einen Bericht über den Entwurf gelesen, und konnte sich vage erinnern.

Wie wäre es dir ergangen? Wenn du aus Berlin kommst, warst du bestimmt schon einmal dort.

Die 2. Frage wurde von denen, die in dem Gebäude waren, (ungefähr 9 Befragte) dahingehend beantwortet, dass sie keinen großen Unterschied zu anderen Kaufhäusern empfunden haben. Sie fragten vielmehr mich, wo denn er Platz zum Verweilen gewesen wäre.

Ich gebe zu, dass es eine sehr sehr kleine Umfrage war, und das Gebäude von P&C hier nur als ein Beispiel von vielen möglichen diente. Dazu sagen müsste ich noch erwähnen, dass es zwei rechtlich und wirtschaftlich unabhängige Unternehmen Peek und Cloppenburg gibt. www.peek-cloppenburg.de ist die Webseite der Peek und Cloppenburg KG, Düsseldorf, deren Standort du hier beschrieben findest.

Doch kann auch diese kleine Umfrage ein Bild davon geben, wie groß die Entfernung der Planung zum eigentlichen gesellschaftlichen Architekturinteresse ist – oder die Entfremdung von Architektur und Gesellschaft.

Dabei ist Architektur eine soziale Baukunst.

D.h. nur weil wir sie nicht wahrnehmen, heißt das noch lange nicht, dass keine Wirkung von ihr ausgeht.
Der Soziologe Georg Simmel versteht Architektur als die „gebaute Haut“ der Gesellschaft, als eine „existenznotwendige, sicht- und greifbare Form. Diese Form drängt sich jedem Einzelnen geradezu auf und umstellt ihn mit immer noch mehr Sachen“ (Heike Delitz in Soziologie der gebauten Haut der Gesellschaft: Georg Simmels Architektursoziologie)

Dabei wirken diese gebauten „Sachen“ mal positiv, mal negativ auf die Umgebung, ja auch auf dich, unabhängig davon, was du gerade bewusst davon wahrnimmst.

Die Unterschiede erkennst du, wenn du mit dem Herzen schaust,

Achtsamkeit entwickelst und Fragen stellst. Z.B. Wann hast du zuletzt über die Schönheit deiner Straße nachgedacht? Welche Straßenseite bevorzugst du? Und Warum?

Wenn du mehr hierüber erfahren möchtest lies auch „Wo beginnt der Irrtum von Architektur“ oder meinen Artikel im Blog des Zentrums für Kan Yu:  „Was du unbedingt über deine Wahrnehmung wissen solltest

Schau dir die Umgebung einmal anders an, mit den Augen deines Herzens und siehe, wie z.B. das Gebäude von P&C auf dich, auf den Straßenzug, auf den Ort wirkt. Schau dir mit dem Herzen an, warum der Bilbao-Effekt in Bilbao funktioniert, an anderen Orten aber nicht. Schenke Dir und Deiner Umgebung wieder Aufmerksamkeit und sensibilisiere dich neu für deinen Ort.

Viel Freude bei deinen Neuentdeckungen.

Bis bald
Kun Ya Andrea Schmidt

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