auf der Suche nach dem perfekten Raumgefühl

Matrimandir

Seit vielen Jahren betrete ich Räume auf der Suche nach dem guten Gefühl im Raum. Doch was macht einen gut gefühlten Raum aus? Wer bestimmt die Kriterien? Was muss ein Raum leisten für das gute Raumgefühl? Was bedeutet eigentlich gutes Raumgefühl?

Deshalb… Eine wunderbare Idee von Anett Ring von stadtsatz.de eine Blogparade zum Thema Raumgefühl zu initiieren.

Ich sollte vielleicht an dieser Stelle erwähnen, dass ich selbst Architektin bin und gleichzeitig auch Meditationslehrerin. Seit vielen Jahren verbinde ich diese beiden Disziplinen in meinem Institut für Architektur und Raumwirkung. Wir schaffen Bewusstsein für die Wirkungen von Räumen auf den Menschen und umgekehrt.

Auf der Jagd nach dem perfekten Raumgefühl, nach Menschlichkeit in der Architektur, habe ich schon so manche Orte bereist, und viele Räume betreten. Doch bisher gab und gibt es nur einen, der meine Kriterien erfüllt, ja sogar weit überstiegen hat. Dieser Raum setzte einen neuen Maßstab und lehrte mich meine Kriterien zu überdenken.

Der Raum selbst lehrte mich Kriterien für einen guten Raum festzulegen.

Von diesem Raum möchte ich hier berichten. Die Reise führt uns nach Südindien, nach Auroville. Auroville ist heute vor ungefähr 45 Jahren als Vision einer internationalen Zukunftsstadt von der Französin Mira Alfassa (1878-1973) und dem indischen Evolutionsphilosophen Sri Aurobindo (1872-1950) entstanden. Das Zentrum des ca. 20 Quadratkilometer großen Gebietes bildet das Matrimandir.

Hier beginnt mein Abenteuer:

Der Kugelbau wird in den Veröffentlichungen als die Seele des Ortes bezeichnet. Ich bin sehr gespannt. Die Anfahrt hierher gleicht eher der Hölle. Obwohl es sehr früh ist, ist es drückend warm. Die Gassen sind laut und eng. Für das Taxi gibt es wegen der vielen Menschen, der Tiere und der großen Ansammlung von tiefen Schlaglöchern fast kein Durchkommen. Stunden vergehen, dann wird es ruhig und wir erreichen ein dicht bewaldetes Gebiet. Der Schatten der Bäume hält die Sonne zurück. Die Wege sind nicht befestigt, die Wegbeschreibungen sehr spärlich. Ich bin angekommen in Auroville. Einen jungen Mann, der mir zufällig über den Weg läuft, frage ich nach dem Matrimandir. Er reagiert nervig, zeigt mit dem Wort „Besucherzentrum“ in eine Richtung. Leicht verunsichert mache ich mich auf den Weg. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen, doch dann entdecke ich ein Gebäudeensemble. Eine Architektur aus gelben Ziegelstein, viele Rundbögen und gestaltete Grünflächen, die den Weg führen. Es sieht sehr schön aus und wirkt beruhigend auf mich. Und ich habe Glück, das Besucherzentrum öffnet gleich. Einige Menschen haben sich bereits auf dem Plateau versammelt.

Von hier aus geht es zum Matrimandir.

Doch ich erfahre, dass alle Neuankömmlinge sich zunächst einen Film über das Matrimandir ansehen müssen, bevor sie es betreten dürfen. Es gibt eine genaue Reihenfolge des Ablaufes, der festgelegten Besuchszeit und der Anzahl der Besucher. Also schaue ich mir den Film an. Die Qualität ist nicht die beste. Er beschreibt die Entstehung, die Philosophie und die Bauphasen. Über die Hälfte des Filmes erklärt den Ablauf des Besuches und wie man sich im Matrimandir verhalten muss. Alles ist streng geregelt und durchorganisiert. Leider ist nun aber auch die Besuchszeit für den heutigen Tag abgelaufen. Das heißt warten bis morgen.
Als Trost darf man mit seinem Besucherausweis zur Aussichtsplattform, und einen Blick aus der Ferne auf das Matrimandir erhaschen. Diese ist hinter einem Stacheldrahtzaun versteckt, und leider auch nur begrenzt geöffnet. Hürde um Hürde -warum nur- frage ich mich.

Das entspricht gar nicht meinem Bild von einer Seele des Ortes.

Doch ich werde schnell entlohnt. Der Weg zur Aussichtplattform ist wunderschön; umsäumt von riesigen Bäumen, deren Wurzeln aus der Erde herauswachsen, um die schweren Äste zu stützen. Das ist ein spannendes Bild: Wurzeln, die in den Himmel streben, um die Äste, die sich zur Erde beugen, zu stützen. Wer dient hier wohl wem? Kinder rennen lachend zwischen den Wurzelbäumen umher. Mit fällt auf, dass hier alle lächeln. Nach einigen weiteren Metern erblicke ich das Matrimandir. Ich hatte gedacht, es wäre größer, doch es erscheint außergewöhnlich anmutig und so erdnah. Etwas Geheimnisvolles umgibt den Ort, so als wenn die Erde aufbricht und die Kugel aus sich heraus gebärt. Die Menschen sind ruhig, bedächtig, sehr freundlich. Ich fühle mich gut und habe den Ankunftsstress vergessen.

freiRaum in Indien

      blog_freiRaum_Matrimandir3

Am nächsten Tag ist es soweit.

Mit dem Besucherausweis stehe ich an der Eingangspforte. Eine sehr beschäftigte Dame prüft recht schroff die Scheine, und lässt die angemeldeten Leute durch ein Tor gehen. Taschen, Handys, Fotoapparate etc. müssen abgegeben werden. Dann führt ein älterer Herr unsere Gruppe zu einer Gartenbank. Hier bekommen wir erneut strenge Anweisungen zum Ablauf und zum Verhalten im Raum. Leicht genervt von allen Belehrungen laufe ich über das Gelände. Eines der obersten Gebote hier ist Schweigen.

Das Gelände mit seiner roten Erde und seinen grünen, geformten Rasenflächen ist –obwohl es noch in großen Teilen in Bau ist- weit, leer, groß und wunderschön. Es duftet nach Erde und frischer Wiese. Mein Herz atmet tief durch. Ich fühle mich neugierig entspannt. Die Sonnenstrahlen erleuchten den Ort. Ich fühle die behagliche Wärme des roten, rauen Lehmsteins unter meinen nackten Füssen. Nach einer Weile verläuft der Weg abschüssig auf das Matrimandir zu. Jetzt scheine ich regelrecht in die Erde hineinzugehen. Rechts und links von mir erhebt sich der rote Lehmstein schräg aus dem Boden heraus, und formt die Wände der kleineren Meditationskammern, die wie Blütenblätter die Hauptkugel umgeben. Der Boden ist hier fast heiß. Den Blick nach oben gerichtet, erstreckt sich der mir sichtbare Ausschnitt der goldenen Kugel in seiner vollen Präsenz. Ich bin sehr beeindruckt von der Größe, der Farbe, der Stimmung, den Formen und dem Zusammenspiel von allem.

Dann erreiche ich den Eingang.

Er ist vergleichbar klein, fast schon minimal. Mit dem ersten Schritt fühle ich den kühlen glatten Marmorboden an den Füßen. Krass, dieser Sprung von warm zu kalt. Ich fühle mich trotz der Veränderung von einem Moment auf den anderen zentriert und in meiner Mitte angekommen. Alle Eindrücke von eben sind verblasst. Von Außen nach Innen, im gebauten und gelebten Sinne, so einfach!

Meine Augen sind noch von der Sonne geblendet. Es ist dunkel, doch der Innenraum ist weiß, in geraden, klaren Formen. Es gibt hier nichts, was ablenkt, auch keine Sichtverbindung nach außen. Ich werde in einen kleinen kühlen immer noch recht dunklen Raum geführt. Durch die knappe indirekte Beleuchtung erkenne ich eingebaute, in den Wänden integrierte Bänke mit Öffnungen, aus denen ich ein paar Seidenstrümpfe herausnehmen soll. Ich ziehe die viel zu großen Strümpfe an. Durch einen weiteren kleinen Durchgang steige ich eine glatte, kühle, weiße Marmortreppe hinauf. Am Ende der Treppe öffnet sich dann ein gigantisch großer Raum vor meinen Augen.

Wow, mir stockt der Atem.

Welch eine Anmut! Durch die goldenen Blütenblätter der Fassade schimmert geheimnisvoll goldenes Licht in den Raum. Die Kuppel hat kein einziges Fenster, doch es ist schön hell. Über mir erstreckt sich ein gewaltiges Betonwerk, das von 4 riesigen Betonsäulen, die sich zu den Himmelsrichtungen orientieren, gehalten wird. Das Betonwerk wird sanftmütig von der goldschimmernden Kugelform umgeben. Kleine Wasserläufe fließen lautlos entlang des Kuppelbogens. Weiter oben bilden zwei wahnsinnig lange weiße Rampen einen Weg hinauf, umgeben von dem goldenen Schein des beeindruckenden Innenraumes. Eigentlich kann man gar nicht beschreiben, was hier zu sehen ist, und schon gar nicht, was hier mit einem geschieht. So etwas habe ich bisher nur in tiefen Meditationen erlebt.

freiRaum_blog_MM-Inside

Es fühlt sich an wie ein kosmischer Tanz.

Über eine große, kühle und glatte Marmorstufe komme ich auf die Rampe. Sie ist belegt mit einem dichten, warmen, weißen Velourteppich. Langsam gehe ich die Rampe hinauf. Durch die viel zu großen Seidenstrümpfe schwimme ich regelrecht mit jedem Schritt auf dem Hochflorteppich. Es fühlt sich an, als ob ich die Erde verlasse, und mich in den Himmel hinein begebe. Ich befinde mich ganz nah an der Innenseite der goldenen Fassade, der Blick aus der Höhe in den Innenraum hinein ist außergewöhnlich ergreifend. Es gibt hier nichts als unschuldige Geborgenheit. Mein Schweigen ist mittlerweile ehrfürchtig geworden.

Still laufen mir Tränen über die Wangen.

Dann erreiche ich das Ende der Rampe. Durch eine Türe gelange ich in das Innere des gigantischen, kugelförmigen Betonwerkes. Hier ist es dunkel. Die einzige Belichtung des Raumes geschieht durch eine kleine runde Öffnung im oberen Zentrum der Decke. Ein Lichtstrahl trifft durch diese Öffnung auf eine Glaskugel, die diffus das Licht in den Raum hinein streut. Durch das schummrige Licht ist es unmöglich, den gesamten Raum zu erfassen. Doch auch hier ist alles weiß. Ich setze mich auf eine der vielen vorbereiteten Meditationsplätze, und lasse mir Zeit den Raum wahrzunehmen. Weiße Säulen umgeben ihn, man kann das Ende der Säulen kaum erkennen. Es ist still. Nicht, dass es vorher nicht still war, doch hier ist es intensiver still. So als ob die Stille eine Tiefe erreicht hat. Auch in mir selbst.

Die Atmosphäre scheint fast leer, obwohl wir alle da sind.

Das Wolkenbild von draußen spiegelt sich in der Glaskugel in der Mitte des Raumes wieder. Seine ständige Bewegung verändert unentwegt den Innenraum. Ich fühle mich dem Geheimnisvollen ganz nah. Himmel und Erde offenbaren sich in diesem Raum. Sie scheinen von diesem Ort aus still vereint ihre Liebe in die Umgebung auszudehnen. In meinem Herzen fühle ich nur Liebe, Offenheit, Stille und Weite. Ich bin Teil dieser Einheit. Selbst der gebaute Beton löst scheinbar seine Form auf, und ist Teil dieser Einheit. Für mich ist das Matrimandir in diesem Augenblick das Symbol für die Verwirklichung von Wahrheit und Vollendung.

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Die Menschen draußen wollen das Matrimandir als die Seele des Ortes mit ihren Belehrungen und strengen Regeln schützen, doch in Wahrheit beschützt es sie. Ein unglaubliches Geschenk, dass der französische Architekt Roger Anger und Mirra Alfassa hier erschaffen haben.

Dankbar und demütig verlasse ich das Matrimandir mit der Gewissheit, morgen wieder kommen zu dürfen.

Kriterien für ein gutes Raumgefühl sind dann erfüllt, wenn der Mensch vom Raum genährt wird,

wenn der Raum bzw. auch der Ort Freude und Liebe verschenken, und Leben sich frei entfalten kann. Räume und Orte erinnern Menschen so an ihre eigene Freude und Liebe. Es stellt sich damit nicht nur automatisch ein gutes Raumgefühl bei allen Menschen ein, sondern dieses gute Gefühl verteilt sich in den Stadtraum und die Umgebung. Auch zu denen, die sich selbst nicht für sensibel halten. So verteilt sich langsam aber nachhaltig Liebe und Frieden in die Welt. Zumindest ist das meine Vision.

Das ist mein Beitrag zur Blog-Parade von Anett Ring.

Ich danke allen Lesern für Kommentare, Anregungen, Kontakte und vergleichbare Erfahrungen.

Eure Kun Ya Andrea Schmidt

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4 Antworten
  1. Julia
    Julia says:

    Dein Artikel liest sich sehr träumerisch und schön. Fast wie eine Geschichte fühlt man mit, gerade das Gefühl über den Hochfloorteppich zu laufen, hast du unfassbar gut rüber gebracht.

    Ganz so schön malerisch wie dein Raumgefühl, ist meines nicht. Eher genau gegenteilig. Aber ich finde es umso schöner und sehr beeindruckend, wie schön du schreibst. Ich komme bestimmt noch öfter vorbei :)

    LG
    Julia von Raumzeichner

    Antworten
  2. Anett Ring
    Anett Ring says:

    Liebe Andrea,

    DANKE, dass du uns mit auf deine Entdeckungsreise in das Matrimandir genommen hast. Ich kannte Auroville bisher noch nicht und war selbst (LEIDER!) auch noch nicht in Indien. Was soll ich sagen? Ich bin beeindruckt! Zum einen von dem Gebäude und zum anderen auch von deiner Fähigkeit den Raum zu spüren und uns dieses Gefühl verschriftlicht wieder zu vermitteln.
    Bilder hat dein Beitrag fast gar nicht notwendig, weil du scheinbar jedes Detail durch deine Worte anschaulich vermitteln konntest.

    Ich muss zugeben, dass ich deinen spirituellen Zugang zur Architektur nicht teile. Mich freut es aber umso mehr, dass wir beide auf der „Jagd nach Menschlichkeit“ in der Architektur sind. Das ist auch für mich das Wichtigste!

    Vielen lieben Dank für diesen Beitrag und ich hoffe, wir bleiben darüber hinaus auch in Verbindung?
    Herzliche Grüße, Anett

    Antworten

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