Kultur ist für mich…

#Kulturistfürmich


In der Blogparade #KultDef vonTanja Praske  geht es um die spannende Frage, was ist Kultur für Dich. Als Architektin denke ich als erstes an Baukultur, doch beim weiteren Nachdenken…

Kultur ist für mich Spiegel des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Wie sieht das gesellschaftliche Zusammenleben heute aus? Wo und wie begegnen wir einander? Wie erleben wir diese Begegnungen in der Stadt, in der Nachbarschaft, im Miteinander? Wie beziehen Architektur und Stadtraum eine Kultur des Zusammenlebens und der Begegnung in Gestaltungsansätzen mit ein? Wie fördern sie diese Kultur?
Dies sind natürlich gleichzeitig Fragen der Baukultur, denn schließlich wird Architektur als Spiegel der Gesellschaft bezeichnet, und ist damit Zeugnis einer Kultur des Zusammenlebens.

Ich beginne mit einem kurzen Ausflug in die Vergangenheit…

in einem kleinen Dorf am Niederrhein direkt an der Niederländischen Grenze. Ich bin dort aufgewachsen. Damals gab es eine richtige Dorfkultur des Zusammenlebens. Meine Eltern standen oder saßen oft mit den Nachbarn und Freunden vor ihrem Haus zusammen, redeten und natürlich tranken sie auch hin und wieder ein Bierchen dazu. Nach meiner Erinnerung war es völlig egal, wo man sich traf oder wer sich traf. Der erste setzte sich einfach nach draußen und diejenigen, die sich die Zeit nahmen, kamen nach und nach dazu. Für uns Kinder war es ähnlich. Wenn uns die Decke auf dem Kopf fiel, gingen wir nach draußen. Wir waren viel draußen. Es gab Orte, wo sich alle trafen, 15 manchmal 20 und mehr Kinder. Es gab vieler solcher Orte. Wir gingen wegen des Zusammenseins dort hin.

Vielleicht gehörst du jetzt zu denen, die ähnliche Erinnerungen haben, oder aber zu denen, die sagen: „Na ja, im Dorf ist das halt so, da gibt es auch nichts anderes“. Ich bin mir sicher, auch du hast solche Momente der lockeren und freien Begegnung in deiner Schatzkiste der Erinnerungen.

So sieht es heute aus:

Du siehst niemanden mehr in diesem Dorf an der Straße sitzen. Auch keine Kinder, die sich außerhalb von Schule treffen. Und wenn doch, dann bestehen diese Gruppen aus 2, maximal 4 Kinder.
Zu deiner Kenntnis, es handelt sich nicht um eines der Dörfer, die unter Wegzug ihrer Bewohner leiden. In dieser Region wird seit Jahren fleißig zugezogen und entsprechend gebaut.

Auch wenn mich das Verschwinden der Begegnungskultur leicht traurig macht, möchte ich nicht der Nostalgie verfallen. Ich möchte vielmehr mit dir zusammen den Versuch machen und erkunden, warum sich diese Entwicklung so vollzogen hat. Das Dorf ist ja nur ein kleines Beispiel für die Entwicklung der Begegnungskultur in unserer Gesellschaft.

Selbstkultivierung durch Individualisierung

Unsere Generation lebt in einer Zeit der Selbstkultivierung, das heißt, wir sind auf der Suche nach dem eigenen Weltbild. Durch Umfang, Art und Ausmaß der Krisen in der heutigen Zeit mussten wir gezwungenermaßen realisieren, dass die bisher vorgegebenen Strukturen und Werte immer mehr zusammenbrechen, und nicht weiter gelebt werden können. Sie sind zum Teil völlig unbrauchbar geworden.

Nun sind wir eine Generation, die kritisch, autonom und reflektiert genug ist, um uns auf die Suche nach eigenen Werten zu machen. Wir übernehmen längst nicht mehr wie früher fraglos das Vorgegebene, sondern stellen unsere eigenen Fragen. Die meist gestellt Frage ist: Was brauche ich für mich?

Damit bauten wir viele unterschiedliche Weltbilder; jedes auf der Grundlage von persönlicher und individueller Erfahrung und überwiegend nur stimmig für den Einzelnen. In dieser Haltung leben die meisten von uns fast schon als Individuum und stehen in Konkurrenz mit dem Rest der Welt.

Individuell in der Verbundenheit mit dem Ganzen

Daneben gibt es die Entwicklung der spirituellen Bewegung, die ein Weltbild der Verbundenheit kultiviert. Ich bezeichne mich und alle anderen, die dazu gehören als Veränderungsaktivisten.

Am Anfang waren wir von der Gesellschaft als Spinner oder Außenseiter degradiert. Doch mittlerweile hat selbst die Wissenschaft erkannt, dass wir in größeren Zusammenhängen leben, und dass Identitätsbildung nur im Netzwerk und Austausch mit anderen möglich ist. Paradox ist, dass gerade die Krisen unserer Zeit, die uns in die Individualisierung treiben, gleichzeitig aufzeigen, wie verstrickt und vernetzt die Welt ist. Krisen sind in ihrer Wirkung immer global.

Die Entwicklung unserer Zeit verläuft vom Ich zum Du zum WIR.

Viele sind bereits beim WIR angekommen und arbeiten daran eine WIR-Kultur des Zusammenlebens zu installieren.

Und wie ist nun das Verhältnis der Baukultur zu dem Ganzen?

Baukultur ist eben auch eine Begegnungskultur des gesellschaftlichen Zusammenlebens, indem sie Felder des Zusammenlebens produziert. Damit umfasst sie unumgänglich auch die Veränderungskultur, die der Wandel in einem gesellschaftlichen Kontext mit sich bringt.

Das bedeutet, auch Baukultur braucht den Wandel eines Verständnisses, dass Architektur und Stadtkultur Orte braucht, die Begegnung fördern, zulassen und gebrauchsorientiert möglich machen. Das sind Orte, die nicht nur wirtschaftlichen, ökologischen oder ästhetischen Aspekten entsprechen, sondern Bedürfnisse eines neuen verbundenen, ganzheitlichen Weltbildes entsprechen.

Eine solche Kultur des Zusammenlebens, braucht nicht nur Raum für ein neues integrales Denken sondern auch die Möglichkeit einer neuen Handhabung.

Nun fällt die Lösung nicht einfach so aus dem Himmel.

Dies kann auch nicht – wenn man den Begriff NEU ernst nimmt- aus altem Erfahrungswissen entstehen, sonders entwickelt sich im Prozess selbst. In Form einer Aktionsforschung, die nun aber nicht unbedingt von der Wissenschaft ausgeht, und auch nicht von der Politik. Diese Entwicklung geht meist von kulturell Kreativen aus, von einzelnen kleinen Gruppen aus der Bevölkerung, die Fragestellungen der Gesellschaft schöpferisch weiter entwickeln.

Diese Gruppen werden von der großen Gesellschaft leider noch nicht genug wahrgenommen. Obwohl sie schon lange keine Minderheit mehr sind. Das liegt daran, dass diese Gruppen zurzeit noch eher isoliert voneinander arbeiten, und erst langsam beginnen, sich zu vernetzen.

Sie organisieren sich u.a. in Stiftungen wie beispielsweise die Montagsstiftung, die Projekte für eine „Neue Nachbarschaft“ unterstützt, und damit wieder eine Dorfkultur der Begegnung initiiert.

Oder die SinnStiftung, die Lebenslernorte unterstützt, an denen Menschen mit innovativen Ideen für eine neue Welt kleine Dorfgemeinschaften gründen und ihre Ideen im Prozess weiterentwickeln.

Daneben gibt es die vielen sich entwickelnde Baugruppen, in denen Menschen gemeinsam ihren Wohnraum bauen, oder die Entwicklung der Ökosiedlungen, die sich zu ganzen Dörfern geformt haben. Hier überall kannst du wieder Menschen sehen, die eine Kultur des Zusammenlebens entwickeln und Begegnung fördern. Du siehst sie auch wieder diskutierend draußen auf den Bänken sitzen.

In der Unternehmerschaft gibt es u.a. die GLS Bank, die o.g. Projekte unterstützt, und der schnell wachsende Bereich des CSR-Entrepreneurship (CSR=Corporate Social Responsibility), in der sich Unternehmer in der Gesellschaftsverantwortung sehen.
Die Liste ist lang.

Wer meistens noch fehlt sind Politik, Investorenschaft und die Öffentliche Hand.

Sie alle hinken dieser Entwicklung hinterher.

Der geplante Neubau des Museums für die Kunst des 20. Jahrhunderts in Berlin, am Standort des Kulturforums an der Potsdamer Straße, ist hierfür ein gutes Beispiel. Bei dem Kulturforum handelt es sich um einen Ort, der bereits 1964 von Hans Scharoun als gesellschaftlicher Begegnungsraum geplant war. Hans Scharoun, wollte dem Bild einer funktionierenden Baukultur entsprechend ein Begegnungszentrum in Form eines „Hauses der Mitte“ für die Bürger schaffen.

Im Laufe der Jahrzehnte veranstaltete die Stadtverordnung unterschiedlichste Diskussionsforen zu dem Thema, u.a. die Aktion der Bürgerwerkstatt „Kulturforum wach küssen“ im Februar 2010.

Entscheider lehnen den Ort der Begegnung vorerst ab.

Doch trotz allem wird heute für das Museum, dass für veranschlagte 200 Mio. Euro errichtet werden soll, ein Architekturwettbewerb zunächst unabhängig von den städtebaulichen Fragestellungen stattfinden. Den Vorschlag, einen Ort der Begegnung an diesem Platz bzw. in das Museum zu integrieren, wird zurzeit von Investoren und Entscheider abgelehnt.

Dies scheint mir nicht gerade ein Vorbild für gesellschaftsnahe Baukultur zu sein.

Eine gesunde Baukultur als Spiegel des gesellschaftlichen Zusammenlebens benötigt Freiraum, um stattfinden zu können. Gleichwohl braucht sie Menschen aus der Bevölkerung – Veränderungsaktivisten, die sich mit dem Ort identifizieren und in irgendeiner Form betroffen zeigen. Dann kann eine kraftvolle Bewegung entstehen, die eine Veränderung in der politischen Gestaltungskultur erzwingt. Das beste Beispiel hierfür ist die Bürgerbewegung zum Tempelhofer Feld.

Du siehst, im WIR-Bewusstsein sind wir stark. Sei deshalb achtsam für dein Umfeld, warte nicht auf die Politiker, beteilige dich.

Deine Kun Ya Andrea Schmidt

6 Antworten
  1. Tanja Praske
    Tanja Praske says:

    Liebe Andrea,

    ein herzliches Dankeschön für diesen nachdenkenswerten Beitrag zu #KultDef, der eher zur Aktion motivieren sollte. In gewisser Weiser erinnert er mich an den Blogpost von @micp vom 4.6.15, der die Kulturpolitik Hamburgs beleuchtet, auch wenn es hier nicht explizit um Baukultur geht: https://micrhophone.wordpress.com/2015/06/04/kultur-ist-fur-mich/ .

    Sind wir tatsächlich bei dem Wir angekommen? Wir hier in der Blogparade, ja. Wir in Interessengemeinschaften auch, aber ein gesellschaftliches Wir? Gibt es das? Sehe ich noch nicht wirklich.

    Dein Beispiel mit dem Dorfleben gefällt mir. Ja, früher nahmen wir uns die Zeit zum Schnack, heute sind wir getrieben vom organisierten Leben zwischen Arbeit, Stau, Terminen für Erwachsene, Termine für Kinder. Alles muss effizienter werden, nur schade, dass da nicht jedes Individuum mitmacht bzw. irgendwann ausgelaugt in der Ecke liegt und sich zu wenig aufraffen kann. Ahoi, Globalisierung!

    Dass Baukultur hier sehr wichtig sein kann, empfinde ich auch so. Deine Analogie „Baukultur schafft Begegnungskultur“ mag ich. In amerikanischen Großstädten gibt es ja wieder den Trend hin zur Stadt, weg von den Malls auf der großen Wiese, hin zu einer Stadtkultur, die Leben, Begegnung und Freizeit ermöglicht und vielleicht darüber auch das Wir wieder fokussiert. Irgendwann schwappt das auch wieder zu uns herüber.

    Auf jeden Fall ein dickes Dankeschön für deinen sehr bereichernden Beitrag zu meiner Blogparade.

    Herzlich,
    Tanja

    Antworten
    • Andrea
      Andrea says:

      Liebe Tanja,
      vielen Dank für den Link zu @micp und deinen Kommentar.
      Ja,im Großen sind wir erst auf dem Weg zu einem WIR. Ich denke es braucht noch eine lange Zeit, bis sich das ausgedehnt hat. Aber eine Art WIR-Bewusstsein ist meiner Meinung nach schon präsent, auch wenn die Handlungsebenen weit hinterher hinken.

      Es ist eine Revolution von unten, die sich entwickelt, erst einige kleine Gruppen, dann viele kleine Gruppen, dann Zusammenschluss von Gruppen uns so weiter….

      Vielen Dank dir für die guten Anregungen in deiner Blog-Parade.

      Herzlichst
      Andrea

      Antworten

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