Architektonische Qualität

Buchrezension

 

„Bauen ist zum Gegenstand allgemeinen Unbehagens geworden“. Ein zweifellos kontroverses und wichtiges Thema, das die Autoren Dorothea und Georg Franck in ihrem Buch „Architektonische Qualität“ untersuchen. Eine Lösung finden sie in der Schulung einer Wahrnehmung, die architektonische Qualität besser begreifbar macht. Sie erweitern dieses bekannte Anliegen um eine genauere Analyse der Intelligenz der Sinne.

In neun Kapiteln beschreiben die Literaturwissenschaftlerin und der Architekt und Softwareentwickler die Sinnesintelligenz in Bezug auf den architektonischen Raum. Algorithmische Geometrie, Schlüssigkeit der Form sowie Maßstäblichkeit spielen bei der Betrachtung ebenso eine wichtige Rolle wie die Funktionalität. Es klingt folgerichtig, wenn sich der Begriff der Funktionalität „ganz von selbst um die Belange des physischen Erlebens“ erweitert, denn Beobachter und beobachtetes Objekt sind untrennbar miteinander verbunden.

Sorgfältig beleuchten die Autoren Projekte von Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright, Frank O. Gehry, Peter Zumthor und anderen im Hinblick auf Intention und Zeitgeist. Sie betrachten den architektonischen Raum in seiner Gesamtheit als evolutionären Entwicklungsraum und kommen zu dem Schluss, dass das „Niveau der Baukultur“ nicht eine Frage von Stararchitekten ist, sondern „vielmehr eine des guten Durchschnitts“ und der „Alltagstauglichkeit“.

Dorothea und Georg Franck zielen mit ihrem Buch nicht darauf ab, neue Kriterien für architektonische Qualität zu entwickeln oder Bedingungen zu definieren. Vor dem Hintergrund früherer Veröffentlichungen über Ökonomie der Aufmerksamkeit erscheint dies bedauerlich.

Zustimmen wird man den Autoren dahingehend, dass sich architektonische Qualität nicht nach Rezept herstellen lässt, „weil die Wahrnehmung eben mehr merkt als der Verstand begreift“. Indem sie aber behaupten, dass „die Beziehung zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten durch eine Konvention geregelt ist, die genauso gut auch anders sein könnte“, entziehen sie der Wahrnehmung ihren Bewertungsspielraum und belassen die Beurteilung architektonischer Qualität auf dem Niveau der Beliebigkeit, die von ihnen selbst mehrmals beklagt wird.

Ein Widerspruch, der sich nicht auflösen wird und gerade den Leser enttäuschen wird, der den Aspekt des Wesenhaften in der Architektur, als eines der wichtigsten Merkmale architektonischer Qualität, sucht. Ernüchtert wird ein solcher Leser bei der Frage, warum die Übertragung der antiken Formensprache auf spätere Zeiten funktioniert hat, denn die Antwort klingt geradezu wie eine Selbstdemontage: „Wir wissen es insofern nicht, als wir uns nicht einbilden dürfen, uns so in die antike Lebenskraft einfühlen zu können“. Ein Schlüssel zum Verstehen von architektonischer Qualität liegt aber gerade in einem Empfinden von Lebendigkeit oder Unbehagen. Ein Dilemma, weil die Autoren selbst es sind, die den besonderen Punkt der Wesenhaftigkeit des Öfteren ansprechen: „Die Atmosphäre ist, was bleibt, wenn man die Gegenstände (…) abzieht“.

Die Schriftsprache ist auf einem hohen, intellektuellen Niveau gehalten und fordert den ungeübten Leser sicherlich heraus. Dennoch überzeugt das Buch aufgrund seiner vielen anregenden Detailbeobachtungen. Experten und Laien erhalten eine veränderte Wahrnehmung auf architektonische Qualität und werden viele Aha-Momente erleben, auch wenn der letzte Schritt hin zum Lebendigen in der Architektur nicht vollzogen wurde.

Viel Spaß beim Lesen


Georg Franck, Dorothea Franck
Architektonische Qualität
Carl Hanser Verlag, München 2008
ISBN: 978-3-446-20831-5
(21,50 Euro erhältlich z.B. bei Amazon: Architektonische Qualität

 

 

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